Nachruf auf Prof. Walter Schlorhaufer    (14.10.1920 - 10.11.2006)

Erster Inhaber der Innsbrucker Lehrkanzel für Audiologie und Phoniatrie (1968 - 1991)

Vorstand der Univ.-Klinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen (1974 - 1991)

Mit Walter Schlorhaufer verstarb am 10. November 2006 ein Pionier der österreichischen Pädaudiologie und zugleich einer der großen heimischen Phoniater. Sein Tod – der nach kurzer Erkrankung, dennoch unerwartet kam – riss ihn aus einem schaffensreichen Leben, das bis zuletzt geprägt war von der Hingabe an die Interessensgebiete, die ihn die meiste Zeit seines Lebens beschäftigten: die kindlichen Hörstörungen, die Sprach- und Stimmstörungen – und die Literatur.

Walter Schlorhaufer wurde am 14.10.1920 in Innsbruck geboren. Nach Absolvierung von Volksschule und Gymnasium studierte er an der Innsbrucker Universität in den Jahren des Zweiten Weltkriegs Medizin. Anatomie hörte er bei Prof. Felix Sieglbauer; Chirurgie bei Prof. Burghart Breitner. Beim Pharmakologen Adolf Jarisch dissertierte er und nach der Promotion war er einige Jahre Assistent auf der Pathologischen Anatomie unter Prof. Franz Joseph Lang.

1950 trat er in die Innsbrucker Universitäts-HNO-Klinik ein, deren Vorstand damals Prof. Ludwig Hörbst war. Dieser vermittelte ihm eine phoniatrische Ausbildung bei Prof. Richard Luchsinger in Zürich. Zudem regte er ihn zu einer umfangreichen Studie an den Zöglingen der Tiroler Landestaubstummenanstalt in Mils an. Die Ergebnisse dieser Untersuchung, über die er in mehreren Publikationen berichtete, bildeten die Grundlage für seine Arbeit über "Die Motorik der Taubstummen", mit der er 1958 an der Medizinischen Fakultät in Innsbruck habilitiert wurde.

Seit Anfang der 1960er Jahre trat Schlorhaufer als Vorkämpfer der – damals noch jungen – Pädaudiologie hervor. In Publikationen und Tagungsbeiträgen forderte er die möglichst frühe apparative Versorgung hörgestörter Kinder und den unverzüglichen Beginn der Hörerziehung. Er berief sich dabei auf psychologische Erkenntnisse zur Hör- und Sprachentwicklung und auf erste Studien über den Effekt der frühen Hörgeräteversorgung bei Kindern. Mit dem Anliegen, das Resthörvermögen schwerhöriger Kinder durch apparative Unterstützung und durch konsequentes Training nutzbar zu machen, wusste er sich in einer alten otologischen Tradition, die in Österreich durch Viktor von Urbantschitsch (+1921), in Deutschland durch Friedrich Bezold (+ 1908) vertreten wurde: diese hatten bereits vor 1900 erkannt, dass auch "taube" Kinder noch Hörreste besitzen, die durch Hörübungen genutzt werden können.

Schlorhaufer hat dieses Anliegen auch tatkräftig umgesetzt. Im Jahr 1962 richtete er an der Innsbrucker HNO-Klinik eine pädaudiologische Abteilung ein und holte eine Psychologin an die Klinik, die ihn bei der psychologischen Beurteilung und dem Audiometrieren der Kinder sowie bei der Elternberatung unterstützte. Gemeinsam mit ihr arbeitete er an der Entwicklung verhaltensaudiometrischer Verfahren für Kleinkinder. Die Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Audiologie, die er zu Beginn der 1960er Jahre mitbegründete, band er ebenfalls in das Anliegen der verbesserten Erfassung und Betreuung hörgestörter Kinder ein. In diesen Zusammenhang engagierte er sich auch für die Berufsausbildung der Logopäden: 1968 initiierte er die Gründung einer Schule für den logopädisch-phoniatrisch-audiologischen Dienst in Innsbruck (später einer weiteren in Bozen), um die Verfügbarkeit versierter Kräfte zur Mitarbeit in Pädaudiologie und Phoniatrie sicherzustellen.

Im Jahr 1968 wurde Schlorhaufer als Ordinarius auf die neu errichtete Lehrkanzel für Audiologie und Phoniatrie an der Innsbrucker HNO-Klinik berufen. In seiner Antrittsvorlesung am 19. November d.J. sprach er über "Die Aufgaben der Audiologie und Phoniatrie beim hörgestörten Kind" und erklärte – durchaus programmatisch –, warum Audiologie und Phoniatrie medizinische Fächer sind: "Leider ist es vielen gesunden Mitmenschen oft wenig klar, dass das Kranksein am Gehör, an der Stimme und Sprache eine genau so ernst zu nehmende Krankheit ist wie der Rheumatismus, der Nierenstein oder die Mandelentzündung. Gehör, Stimme und Sprache gehören zu den wichtigsten Kommunikationsmitteln des Menschen, und Kommunikationsstörungen bedingen schwerwiegende Leiden, die einer Behandlung bedürfen."

Der bedeutendste Schritt zur Realisierung dieses Programms war die Errichtung der Innsbrucker Universitätsklinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen (HSS), die als Schlorhaufers Lebenswerk und Vermächtnis bezeichnet werden darf. Die Klinik wurde 1974 eröffnet; sie gliederte die Lehrkanzel für Audiologie und Phoniatrie mit den ihr zugeordneten Bereichen Phoniatrie, Audiologie und Pädaudiologie aus der HNO-Klinik aus. Schlorhaufer wurde ihr erster Vorstand. Als solcher entfaltete er eine intensive Tätigkeit für den Auf- und Ausbau der neuen Klinik. Trotz bescheidener Möglichkeiten gelang es ihm, die Klinik personell und räumlich gut auszustatten und ihr breites Arbeitsspektrum der Stimm-, Sprach-, Sprech-, Hör- und später auch Schluckstörungen auf hohem Niveau abzudecken. Die HSS-Klinik wurde unter seiner Führung zum Zentrum der Pädaudiologie und Phoniatrie in Westösterreich. Im Jahr 1996 wurde sie anlässlich einer Strukturreform an der Medizinischen Fakultät wieder in eine Klinische Abteilung innerhalb der HNO-Universitätsklinik umgewandelt, blieb aber in ihren Kompetenzen und ihrer Bedeutung ohne Einschränkung.

Das zweite große Arbeitsgebiet Schlorhaufers neben der Pädaudiologie waren die Stimm- und Sprachstörungen. Hierzu entfaltete er vor allem eine umfangreiche klinische, auch operative Tätigkeit, wobei sein ärztliches Handeln in das weitere Interesse an der menschlichen Sprache eingebettet war. Zum besonderen Anliegen wurde ihm ab den 1970er Jahren die Verankerung und Stärkung der Phoniatrie innerhalb der Medizin und der HNO-Heilkunde. 1976 zählte er zu den Gründungsmitgliedern der Arbeitsgemeinschaft deutschsprachiger Phoniater, aus der 1984 die Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie hervorging. Gemeinsam mit österreichischen Kollegen initiierte er die Abhaltung jährlicher Fortbildungskurse in Phoniatrie und Pädaudiologie, die bis heute stattfinden. Nicht zuletzt war er an der gesetzlichen Regelung der Ausbildung der österreichischen Phoniater beteiligt, die in einer Novelle der Ärzteausbildungsordnung 1988 die Qualifikation für das Fach Phoniatrie an eine dreijährige Zusatzausbildung für Stimm- und Sprachstörungen im Anschluss an die HNO-Facharztausbildung knüpfte.

Obwohl Walter Schlorhaufer 1991 emeritiert wurde, blieb er noch bis 1994 interimistischer Klinikvorstand der HSS. In der Zeit seines Ruhestands widmete er sich wieder jener Leidenschaft, die ihn bereits in früheren Jahren ergriffen hatte: der Schriftstellerei. Sein erstes größeres literarisches Werk erschien – nach kleineren Veröffentlichungen in Anthologien – im Jahr 1948; sein zweites 1956 (beide Erzählungen). Kleinere Prosastücke und eine Vielzahl von Hörspielen folgten bis etwa 1970, wodurch er bereits damals eine Bekanntheit als Literat erlangte. Dann allerdings zog er sich aus dem Literaturbetrieb zurück – offenkundig die Priorität auf die ärztliche und wissenschaftliche Arbeit und die Führung der Klinik legend. Nach der Emeritierung aber kehrte er mit Gedichtbänden und Erzählungen wieder, darunter einer groß angelegten Romantrilogie, die unverkennbar autobiografische Züge trägt. Schlorhaufer hat sich damit neben seinem Ruf als Arzt, Phoniater und Pädaudiologe auch die Anerkennung als beachtenswerter österreichischer Schriftsteller erworben.

Am 17. November 2006 wurde er am Friedhof Mariahilf in Innsbruck beigesetzt.

 

 

   
   

 

zurück